160 Jahre Guinand
Für Kenner feiner Zeitmesser ist der Name Guinand weit mehr als nur eine Marke – er steht für eine lange Tradition uhrmacherischer Exzellenz, für technische Innovationen, handwerkliche Präzision und funktionales Design. Seit der Gründung im Jahr 1865 hat Guinand viele Wandlungen erlebt – und ist sich doch immer treu geblieben. Die folgende Chronik erzählt die bewegte Geschichte eines Unternehmens, das seit 160 Jahren Zeit auf besondere Weise misst.
1865
Der Anfang einer langen Tradition
Die Wurzeln von Guinand reichen zurück ins Jahr 1865. In Les Brenets, einem malerischen Ort im Schweizer Jura, gründeten die Brüder Julien-Alcide und Charles-Léon Guinand am 21. April 1865 das Unternehmen Guinand Frères. In einer Zeit, in der das Uhrmacherhandwerk in der Region florierte, konzentrierten sie sich auf die Herstellung und den Handel von hochwertigen Taschenuhren.
Am 4. Juni 1865 wurde die erste komplizierte Uhr „5-Minuten-Repetition mit Anhängeraufzug“ hergestellt und für Fr. 471,60 an das Haus Julien Gallet in La Chaux-de-Fonds geliefert.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Die Uhren fanden rasch Absatz – insbesondere in Deutschland, Skandinavien und den Vereinigten Staaten. Der Neffe der Gründer, Julien Gallet, unterstützte die Expansion in die internationalen Märkte.
Hintergrundbild: Erster Firmensitz von Guinand Frères
1876
Panic of 1873
Doch bereits in den späten 1870er Jahren geriet das junge Unternehmen durch die schwere Wirtschaftskrise in den USA (Panic of 1873) in Turbulenzen. Der amerikanische Markt brach ein, und 1876 meldete der wichtigste US-Kunde, Fellow & Cie in New York, Konkurs an. Dieser Schlag hatte weitreichende Folgen: Einer der Teilhaber gründete in Hamburg eine Niederlassung unter dem Namen Gebrüder Guinand, die jedoch 1880 wieder geschlossen wurde. Der Vertrieb wurde danach nach Kopenhagen zum Haus Levin’s verlagert.
Die wirtschaftlichen Verluste von ca. 45.000 Franken durch die Krise und die auftragsbezogene Uhrenfertigung für den gescheiterten US-Partner führten letztlich zur einvernehmlichen Auflösung der Gesellschaft.
1880-1908
Die Ära Charles-Léon Guinand
Charles-Léon Guinand stellte sich 1880 der Herausforderung, das Unternehmen trotz aller Widrigkeiten fortzuführen. Während sein Bruder sich aus dem Uhrmacherwesen zurückzog und ins Kolonialwarengeschäft wechselte, blieb Charles-Léon der Uhrmacherei treu.
Unterstützt von seinem Cousin Léon Gallet aus La Chaux-de-Fonds, einem langjährigen Kunden, richtete er das Unternehmen neu aus. Gallet empfahl, sich auf Chronographen zu spezialisieren – eine Entscheidung mit Weitblick.
Fortan erweiterte Guinand sein Portfolio systematisch. Neben Chronographen mit Minutenzähler entwickelte das Unternehmen Rattrapante-Chronographen sowie Stoppuhren mit Schleppzeiger (Compteurs-rattrapant).
Zum Vertrieb wurden neue Niederlassungen in Le Locle (C.L. Guinand) für Taschenuhren und im französischen Morteau gegründet. Bis in die 1970er Jahre war Jules Racine in New York offizieller Vertreter Guinands in den USA.
1891
Chronographen und Stoppuhren
Um die Jahrhundertwende umfasste die Produktion bereits eine komplette Serie komplizierter Chronographen und feiner Uhren. Von edlen Zeitmessern mit Minutenrepetition, bis zu einem Tachometer-Chronographen für die ersten Autofahrer.
Für eine spezielle Konstruktion eines Chronographen mit Minutenzähler auf Basis eine Savonette oder Lépine Rohwerks erhielt Léon Guinand im Jahr 1891 das Schweizer Patent No. 3360.
Guinand Minute Repeater
Minutenrepetition mit einer damals bemerkenswert flachen Bauhöhe von nur 14 mm – gefertigt in 14-karätigem Gelbgold – feines Werk mit 32 Lagersteinen, Schwanenhals-Feinregulierung und Minutenrepetition über Tonfedern.
Besonders innovativ war der Tachymeter-Chronograph, der 1900 patentiert wurde (Patent Nr. 21709) und die Geschwindigkeitsmessung von 150 bis 10 km/h ermöglichte. Speziell für diese Uhr gründete Guinand die Marke "Le Chauffeur".
1908
Weitblick und Bodenständigkeit
Charles-Léon Guinand war ein zurückhaltender Mann – er mied den großen Werbeauftritt, stellte selten bei Weltausstellungen aus, wurde dort jedoch mehrfach ausgezeichnet. Auch im Gemeindeleben seiner Heimat Les Brenets war er über Jahrzehnte aktiv. Der Bau des Naturschutzgebiets „Goudebas“ und die Schule von Saignotte tragen seine Handschrift.
Trotz persönlicher Rückschläge – er verlor drei seiner vier Söhne – blieb er seiner Mission treu: Uhren zu bauen, die durch Qualität überzeugen. Am 4. Juni 1908 verstarb Charles-Léon Guinand.
Nachruf - Léon Guinand
Einer der angesehensten Bürger von Les Brenets, Herr Léon Guinand, ist am Montagabend im Alter von 69 Jahren verstorben.
Als Uhrmacher von großem Talent wurde Herr Léon Guinand von seinen Mitbürgern auch sehr geschätzt für den Eifer und die Kompetenz, die er in seine öffentlichen Ämter und alles, was das lokale Leben betraf, einbrachte. Präsident des Gemeinderates, später des Kommunalrates über viele Jahre hinweg, war er einer der Förderer der Region, Mitglied der Nationalsynode und blieb bis zum Ende seines Lebens ein aktives Kirchenmitglied.
Herr Guinand hatte in Les Brenets nur Freunde, er hinterlässt die Erinnerung an einen Mann mit Herz und Pflichtbewusstsein, bescheiden und aufrecht, mit einem Glauben von bester Art.
1912-1946
Die Ära Georges-Henri Guinand
Nach dem Tod Charles-Léons übernahm zunächst seine Witwe Olga Guinand (geb. Othenin-Girard), mit Unterstützung ihres Sohnes, die Leitung des Unternehmens. Nach ihrem Tod 1912, übernahm ihr Sohn Georges-Henri Guinand, selbst Uhrmacher, die Leitung des Unternehmens, das fortan unter dem Namen "Société Georges Guinand" fungierte.
Mit Unterstützung seiner Kinder – Léon, André, Alcide, John und Colette – führte Georges-Henri das Unternehmen durch eine herausfordernde Zeit.
Technische Neuerungen wie ein Stoppuhr-Modell mit Nullstellung im Flug für die Luftfahrt sowie Schleppzeiger-Stopper für die britische Admiralität öffneten neue Märkte. Guinand wurde zu einem gefragten Zulieferer für militärische Auftraggeber in Frankreich, England, Italien und Russland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte Georges-Henri Guinand die Firma in eine Familien-Aktiengesellschaft um – Guinand Watch Co. S.A. wurde am 26. Mai 1945 in Les Brenets gegründet. Um familiäre Schwierigkeiten bei der Nachfolge vorzubeugen wurden Georges-Louis, Léon, John, Jean-Michel und Josette Guinand Verwaltungsratsmitglieder. Ab August 1948 bezog das Unternehmen ein neuen Gebäude in Bahnhofsnähe.
Georges-Henri Guinand verstarb am 16. Januar 1946, im Alter von 77 Jahren. Die Leitung ging auf seinen Sohn Léon Guinand über.
1946-1977
Blütezeit mechanischer Chronographen
Unter der Führung von Léon Guinand erlebte die neue Aktiengesellschaft ihre wirtschaftlich erfolgreichste Ära. In den kommenden drei Jahrzehnten gehörte Guinand zu den angesehensten Herstellern mechanischer Zeitmesser.
Das Produktportfolio und die Produktionskapazitäten wurden erweitert, der Kundenstamm, auch in der Auftragsfertigung wuchs und das bis heute bekannte Signet wurde in dieser Zeit zur visuellen Marke.
Die Werke des Hauses wurden von über 200 Marken weltweit verbaut – ein eindrucksvoller Beweis für Qualität und Kompetenz.
1965
100-jähriges Jubiläum
Ein Höhepunkt war das 100-jährige Jubiläum im Jahr 1965 in Les Brenets. In seiner Festrede würdigte Jean Guinand, Vertreter der dritten Generation, die Verdienste seiner Vorfahren und die jahrzehntelange Partnerschaft mit Gallet – einem der ältesten Kunden und Vertriebspartner für den US-Markt.
Unter den Gästen: der Frankfurter Unternehmer Helmut Sinn, passionierter Pilot und langjähriger Guinand-Kunde, der bereits in den 1960er Jahren Fliegeruhren und Chronographen bei Guinand fertigen ließ – eine Verbindung, die Jahrzehnte später bedeutungsvoll werden sollte.
1977-1985
Fusion mit Gallet
Nach dem Tod von Léon Guinand im Jahr 1973 übernahmen seine Söhne Jean und Michel Guinand die Unternehmensleitung. Angesichts der schwierigen Marktlage nach der Quarzkrise suchte man nach strategischen Lösungen – und entschied sich 1977 für die Fusion mit dem traditionsreichen Haus Gallet zur Gallet & Guinand SA.
Die beiden Familienunternehmen waren nicht nur geschäftlich, sondern auch familiär eng verbunden und blickten auf eine über hundertjährige Zusammenarbeit zurück – insbesondere im gemeinsamen Aufbau des US-Markts.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Uhrenwelt von tiefgreifenden Veränderungen erfasst: Die sogenannte Quarzkrise erschütterte die Schweizer Uhrenindustrie in ihren Grundfesten. Elektronische Uhren aus Asien überschwemmten den Markt, während mechanische Werke zunehmend als technisch überholt galten. Auch bei Guinand blieben die Folgen nicht aus: Der Absatz hochwertiger mechanischer Chronographen ging spürbar zurück.
Um auf diese Entwicklung zu reagieren, suchte man nach neuen Wegen der Zusammenarbeit. So wurde 1977 die langjährige Partnerschaft mit dem Haus Gallet auf eine neue Stufe gehoben: Die beiden Unternehmen fusionierten zur Gallet & Guinand SA. Ziel dieser strategischen Allianz war es, Kräfte zu bündeln – in der Entwicklung, in der Fertigung und im internationalen Vertrieb.
Die Verbindung zu Gallet war dabei keineswegs neu. Sie reichte über ein Jahrhundert zurück – bis in die 1870er Jahre. Bereits damals unterstützte Gallet die junge Firma Guinand bei der Internationalisierung, insbesondere im nordamerikanischen Markt. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistete Jules Racine, ein Verwandter der Gallet-Familie, der ab 1916 den Vertrieb der Uhren in den USA übernahm und unter dem Namen Jules Racine & Co. firmierte. Diese enge Verbindung eröffnete Guinand jahrzehntelang stabile Marktchancen in Übersee – ein außergewöhnlicher Erfolg für ein vergleichsweise kleines Familienunternehmen im Schweizer Jura.
Auch als Gallet 1965 die US-Dependance wieder in das Mutterhaus eingliederte, blieb die Zusammenarbeit mit Guinand bestehen - 1979 hieß der US Importeur schließlich Gallet Guinand and Racine. Die technische Kompetenz Guinands – insbesondere in der Fertigung anspruchsvoller Chronographen – wurde weiterhin geschätzt und genutzt. Es war eine Partnerschaft, getragen von gegenseitigem Respekt und Vertrauen.
Doch der fortschreitende Markteinbruch bei mechanischen Uhren stellte selbst tragfähige Allianzen auf die Probe. In den frühen 1980er Jahren verschärfte sich die wirtschaftliche Lage. Trotz gemeinsamer Anstrengungen konnte die Gallet & Guinand SA nicht an die früheren Erfolge anknüpfen. 1985 wurde die Gesellschaft schließlich aufgelöst – ein stiller Abschied nach über 100 Jahren beruflicher Verbundenheit.
Im selben Zeitraum entstand jedoch eine andere Verbindung, die zukunftsweisend sein sollte: Helmut Sinn, Frankfurter Pilot, Unternehmer und Gründer der Marke Sinn Spezialuhren, zählte bereits in den 1960er Jahren zu den wichtigsten Abnehmern Guinands. Er ließ dort Fliegeruhren und Chronographen nach eigenen Spezifikationen fertigen – robust, funktional, präzise. Die Zusammenarbeit beruhte auf einem tiefen gegenseitigen Verständnis für technische Qualität und ehrliches Handwerk. Was damals als Zulieferbeziehung begann, sollte später zur Grundlage einer neuen Ära werden.
Ziel der Fusion war es, Entwicklungsressourcen zu bündeln und neue Märkte zu erschließen. Die Erwartungen waren hoch, doch der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung blieb aus.
Der tiefgreifende Wandel der Branche erwies sich als zu gravierend. Viele Unternehmen gingen in Konkurs, die Zahl der Beschäftigten in der traditionellen Uhrenbranche sank massiv. In dieser Zeit büßte die Branche 2/3 ihrer Beschäftigten und Markenvielfalt ein.
Zur Rettung der Marke wurde die Gesellschaft 1985 einvernehmlich aufgelöst – ein Einschnitt nach über einem Jahrhundert familiengeführter Uhrmacherkunst.
1985-1995
Der letzte Patron der Gründerfamilie
Nach der Auflösung der Gallet & Guinand SA im Jahr 1985 führte Michel Guinand, der letzte Vertreter der Gründerfamilie in der Unternehmensleitung, das Unternehmen "Michel Guinand S.A." eigenständig weiter. Es war eine Zeit des Übergangs und der Herausforderungen: Die Quarzkrise hatte die gesamte Schweizer Uhrenindustrie erschüttert, und auch bei Guinand war die Nachfrage nach mechanischen Zeitmessern rückläufig.
Trotz aller Widrigkeiten hielt Michel Guinand an der Tradition des Hauses fest. Mit großer persönlicher Hingabe versuchte er, das Unternehmen durch diese schwierige Phase zu führen. Doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der zunehmende Wettbewerbsdruck machten eine Neuausrichtung unumgänglich.
1994
Helmut Sinn belebt Guinand neu
Nach dem Verkauf seiner ersten Frankfurter Firma Sinn Spezialuhren an Lothar Schmidt im Jahr 1994 zog sich der fast 80-jährige Helmut Sinn nicht etwa in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Im Gegenteil: 1995 übernahm er die Aktienmehrheit der traditionsreichen Schweizer Uhrenmanufaktur Guinand Watch Co. S.A. – ein Unternehmen, mit dem er bereits seit Jahrzehnten eng verbunden war. Seit den 1960er Jahren hatte Guinand einen wesentlichen Teil der Uhren für Sinns Firma gefertigt, darunter auch viele der charakteristischen Fliegerchronographen.
Diese langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit war vermutlich einer der Gründe, warum sich Sinn für Guinand entschied. Er kannte die Fertigungsqualität, schätzte die Präzision – und sah das Potenzial, eine traditionsreiche Marke in eine neue Ära zu führen.
1995
Zeitenwende
Da seine Söhne sich aufgrund der Marktlage gegen den Eintritt in das Familienunternehmen entschieden, endete 1995 ein bemerkenswertes Kapitel: Nach über 130 Jahren kontinuierlicher familiärer Führung trat erstmals kein Mitglied der Gründerfamilie mehr an die Spitze des Unternehmens.
Dieses stille Ende markierte den Abschluss einer Ära – und zugleich den Anfang einer neuen Zeit.
1996
Made in Frankfurt am Main
1996 gründete Helmut Sinn in Frankfurt die Jubilar Uhren Inh. Helmut Sinn. Unter diesem neuen Firmennamen entstanden drei Produktlinien: „Jubilar“ für klassische Taschenuhren, „Chronosport“ für funktionale Fliegeruhren und „Guinand“ für moderne Chronographen im Geist der Marke. Zunächst wurden die Uhren weiterhin in der Schweiz gefertigt, doch Sinn verfolgte konsequent seine Philosophie: hochwertige, funktionale und bezahlbare Uhren – direkt vertrieben, ohne Zwischenhändler. Seine Kunden sollten für Qualität zahlen, nicht für Werbung oder Vertriebsaufschläge.
Im Zuge dieser strategischen Ausrichtung wurde die Produktion schrittweise nach Deutschland verlagert – genauer gesagt nach Frankfurt am Main, wo Sinn bereits seine erste Uhrenfirma aufgebaut hatte. Um das Jahr 2000 war die Fertigung vollständig in Deutschland angesiedelt. Aus der Firma „Jubilar Uhren“ wurde die Guinand Uhren Helmut Sinn GmbH mit Sitz in Frankfurt.
1996-2006
Neue Uhren – alte Tradition
Helmut Sinn blieb seinem Prinzip des Direktvertriebs treu und verzichtete bewusst auf aufwendige Marketingmaßnahmen oder teuren Einzelhandel. Stattdessen investierte er in Technik und Funktionalität. So entstand 2003 eines der bemerkenswertesten Modelle dieser Ära: die WZU-5, eine mechanische Weltzeituhr, die auf fünf Hilfszifferblättern gleichzeitig fünf verschiedene Zeitzonen anzeigen konnte. Diese Innovation, basierend auf dem modifizierten Kaliber HS 81 WZ (eine Variante des Unitas 6497-1), war ein eindrucksvoller Beleg für Sinns technischen Anspruch.
2006-2014
Wechsel im Cockpit
Trotz seines hohen Alters blieb Helmut Sinn stets präsent. 2006, im Alter von 90 Jahren, übergab er die operative Leitung an seinen langjährigen Mitarbeiter Horst Hassler, blieb jedoch als Gründer und Namensgeber im Hintergrund aktiv. Er verfolgte weiterhin mit wachem Interesse die Entwicklung „seiner“ Marke und mischte sich gelegentlich auch in technische oder gestalterische Entscheidungen ein.
Doch im Frühjahr 2014 stand Guinand erneut vor einem Wendepunkt: Horst Hassler gab bekannt, dass mangels Nachfolger der Geschäftsbetrieb eingestellt werden müsse. Die Nachricht sorgte in der Fachwelt und unter Sammlern für Bestürzung – hatte Guinand doch unter Helmut Sinn wieder einen festen Platz in der Welt funktionaler Uhren gefunden.
2015
Zurück auf Start
Die Geschichte hätte hier enden können – doch es kam anders. Anfang 2015 übernahm der Frankfurter Elektroingenieur und Uhrenliebhaber Matthias Klüh das Unternehmen und führte es in eine neue, eigenständige Zukunft. Die Grundlage dafür hatte Helmut Sinn gelegt: mit klarem Profil, solider Technik und einer festen Überzeugung, wie gute Uhren gebaut werden sollten.
Im Rückblick ist die Ära Helmut Sinn bei Guinand mehr als nur ein Kapitel in der Firmengeschichte – sie war ein Rettungsanker für eine traditionsreiche Marke, ein Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft. Seine Philosophie von Funktion, Klarheit und fairer Preisgestaltung prägt Guinand bis heute.
2018
Würdigung eines großen Pioniers
Nach seinem Tod im Februar 2018, im Alter von 101 Jahren, ehrte Guinand sein Lebenswerk mit der limitierten Sonderedition HS102, die in kürzester Zeit vergriffen war. Sie war nicht nur eine Uhr – sondern ein Denkmal für einen Mann, der das Uhrmacherhandwerk mit Herz, Mut und Verstand lebte.
ab 2015
Guinand unter der Führung von Matthias Klüh
Anfang 2015 übernahm der Frankfurter Ingenieur Matthias Klüh die Guinand GmbH. Als leidenschaftlicher Uhrenliebhaber mit tiefem technischem Verständnis erkannte er das Potenzial der traditionsreichen Marke und leitete einen behutsamen, aber entschlossenen Neustart ein. Ziel war es, die handwerkliche Substanz der Marke zu bewahren und zugleich die Fertigung auf moderne Standards zu heben.
Der Firmensitz wurde innerhalb Frankfurts verlegt, die Uhrenmodelle im Design verfeinert, neue Armbandgenerationen eingeführt und die Fertigung systematisch auf das Qualitätsversprechen „Hergestellt in Deutschland“ ausgerichtet. Die Philosophie des Direktvertriebs blieb dabei erhalten – ein Markenzeichen, das seit den Zeiten Helmut Sinns prägend ist.
2016
HS1xx-Serie
Als Hommage an den letzten Eigentümer aus der Sinn-Ära, Helmut Sinn, wurde bereits 2016 die aufsehenerregende HS1xx-Serie ins Leben gerufen. Jedes Modell dieser limitierten Reihe trägt das Lebensjahr des Altmeisters im Namen. Die Editionen – wie etwa HS100 (2016) und HS102 (2018) – waren binnen kürzester Zeit ausverkauft und gelten heute als begehrte Sammlerobjekte. Inzwischen ist die Serie ein fester Bestandteil des Guinand-Produktprogramms.
2018
Innovation und Kontinuität
Von Beginn an setzte Matthias Klüh auf eine Kombination aus Innovation und Kontinuität. Der enge Kontakt zur Gründerfamilie wurde gepflegt, historische Modelle in die Neugestaltung eingebunden und das Portfolio mit technischer Raffinesse erweitert.
Die folgenden Jahre waren geprägt von uhrmacherischer Kreativität: Mit der DuoIndikator-Modellreihe wurde eine neuartige Sekundenanzeige entwickelt, die erstmals die symmetrische Ästhetik eines Duographen mit der Ablesbarkeit einer Permanentsekunde vereint. Zeitgleich entstanden streng limitierte Sondermodelle mit besonderen Kalibern, wie etwa der ASFlieger mit dem Schnellschwinger-Kaliber AS1920 – eine echte Rarität in der heutigen Uhrenwelt.
2020
Modernste Technik
Ein bedeutender Schritt war die Entwicklung einer vollständig neuen Gehäusegeneration, ohne dabei das ikonische Design der Fliegerchronographen zu verändern. Die neuen Gehäuse überzeugen mit hartstoffbeschichtetem Edelstahl, einer Fliegerlünette mit Kugelrastung, dem FKM-R Dichtungssystem sowie optimierter Robustheit – ein modernes Engineering-Meisterstück.
Im Inneren der exklusivsten Modelle arbeiten heute Kaliber, die es in dieser Form bei keinem anderen Hersteller gibt: Die hauseigenen GUI-1 und GUI-2 ermöglichen aufwendige Werkmodifikationen – etwa im Kalender31, der mit seiner innovativen Zeigerkalenderanzeige für 30 Tage und einem Indikator für den 31. eine absolute Weltneuheit darstellt.
Auch die Zifferblätter wurden stetig weiterentwickelt: Mit Leuchtkeramik-Stundenindices sowie dem Einsatz modernster Leuchtmasse der Klassen Grade X1 und X2 setzen Guinand-Uhren auch in puncto Nachtablesbarkeit Maßstäbe im professionellen Uhrenbau.
2023
Auch im Wasser zu Hause
Ein Meilenstein der jüngeren Unternehmensgeschichte war die Einführung der ersten Taucheruhrenlinie: Deepwave. 2023 vorgestellt, verbindet sie klassische Guinand-Tugenden wie beste Ablesbarkeit und funktionales Design mit modernster Gehäusetechnologie.
Speziell für die neue Familie wurde eine Metallbandschließe mit integrierter Feinverstellung entwickelt – mit einem Verstellweg von 1,7 cm auch für den Einsatz beim Sport- und Berufstauchen geeignet.
Rechts: Das 2024er Sondermodell Deepwave Azure
2025
Ein Jubiläum, das Vergangenheit und Zukunft verbindet
Im Jubiläumsjahr 2025 schlägt Guinand ein weiteres Kapitel auf – mit einem deutlichen Bekenntnis zur eigenen Geschichte. Eine neue Taschenuhr mit Handaufzug und eigens entwickelter ¾ Platine erinnert an die Ursprünge von 1865.
Gleichzeitig erscheint ein streng limitierter Chronograph, inspiriert von einem Guinand-Modell der 1970er Jahre – ein weiteres Sammlerstück in einer langen Reihe uhrmacherischer Meisterwerke.