Flying Officer
Ein Chronograph für Piloten und Navigatoren
Der Flying Officer nimmt innerhalb der Geschichte von Guinand eine besondere Stellung ein. Er ist kein Entwurf aus modischen Erwägungen – sondern eine Uhr, die aus einem klaren funktionalen Bedarf heraus entstanden ist.
In einer Zeit, in der Navigation in der Luftfahrt auf präzise mechanische Instrumente angewiesen war, erfüllte der Flying Officer eine konkrete Aufgabe: die eindeutige zeitliche Orientierung über einen gesamten 24-Stunden-Tag hinweg.
Das Navigationsinstrument
Chronographen mit 24-Stunden-Anzeige sind eine seltene und konsequent gedachte Ausprägung mechanischer Zeitmessung. Ihre Zifferblattaufteilung folgt nicht der Konvention, sondern der Realität des Tagesverlaufs.
Gerade in der Luftfahrt – insbesondere bei Langstreckenflügen ab den 1950er-Jahren – war diese Darstellung von besonderem Nutzen. Navigation, Positionsbestimmung und Zeitreferenzen orientierten sich an GMT / UTC, nicht an lokalen Tageszeiten. Die visuelle Abbildung eines vollständigen Tages machte zeitliche Zusammenhänge unmittelbar erfassbar.
Der erste Flying Officer
Guinand war in den 1960er Jahren weit mehr als eine reine Uhrenmarke. Die Manufaktur aus Les Brenets im Schweizer Jura fertigte nicht nur eigene Modelle, sondern war auch als Zulieferer komplexer Chronographenwerke für zahlreiche renommierte Hersteller tätig.
Mitte der 1960er-Jahre entstand auf Basis des Valjoux 7730 der erste 24-Stunden-Armbandchronograph von Guinand. Mit der Einführung des Kalibers 7733 im Jahr 1969 entwickelte sich daraus der „Flying Officer“ – ein 24h-Chronograph mit charakteristischem 45-Minuten-Zähler und Handaufzug.
Das Modell wurde in vernickelten oder vergoldeten Gehäusen mit 37,5 mm Durchmesser gefertigt, ausgestattet mit gewölbtem Plexiglas und massivem Edelstahlboden. Mit dem Produktionsende des Kalibers im Jahr 1978 verschwand auch der Flying Officer zunächst aus dem Sortiment.
Flying Officer – Gallet oder Guinand?
Die Geschichte von Gallet und Guinand lässt sich kaum getrennt erzählen. Beide Häuser waren über Generationen hinweg eng miteinander verbunden – nicht zuletzt durch familiäre Beziehungen und eine intensive Zusammenarbeit, insbesondere auf dem nordamerikanischen Markt.
Da Guinand zudem viele Uhren ohne eigenes Branding fertigte, ist heute oft nicht mehr eindeutig nachvollziehbar, welches Modell ursprünglich welchem Hersteller zuzuordnen ist.
Bereits Anfang der 1940er Jahre stellte Gallet den „Flight Officer“ Chronographen vor. Grundlage war ein Design sowie ein Patent (Schweizer Patent CH215450) von Philippe Weiss, dessen Unternehmen White Star vermutlich auch an der Produktion beteiligt war. Ab den 1950er Jahren taucht parallel dazu zunehmend die Bezeichnung „Flying Officer“ auf, die für bestimmte Varianten verwendet wurde.
In den 1960er Jahren begann Gallet, seine Chronographen unter der einheitlichen Bezeichnung „Multichron“ zusammenzuführen. Im gemeinsamen Umfeld beider Marken entstand Mitte dieses Jahrzehnts ein bemerkenswertes Modell: ein 24-Stunden-Chronograph auf Basis des Valjoux 7730. Dieses wurde sowohl als „Gallet Multichron 24“ als auch als „Guinand Chronograph 24“ angeboten – ein weiteres Beispiel für die enge Verzahnung beider Unternehmen.
Mit der Einführung des Valjoux Kalibers 7733 im Jahr 1969 entwickelte Guinand dieses Konzept weiter. In diesem Zuge wurde der Name „Flying Officer“ übernommen und der heute ikonische 24-Stunden-Chronograph mit 45-Minuten-Zähler geschaffen.
Gleichzeitig geriet Gallet auf seinem wichtigsten Markt in den USA zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ende der 1970er Jahre führte dies schließlich zu einer Fusion mit Guinand, die das Unternehmen Gallet vorerst stabilisierte.
Der zweite Flying Officer
Im Jahr 2007 wurde der legendäre Flying Officer unter Helmut Sinn neu interpretiert – mit dem Anspruch, den Charakter des Originals zu bewahren und zugleich technisch in die Gegenwart zu überführen. Die besondere 24-Stunden-Anzeige blieb dabei das prägende Merkmal.
Herzstück der Neuauflage war das Handaufzugskaliber ETA/Valjoux 7760. Um die charakteristische Gestaltung des historischen Vorbilds möglichst exakt nachzubilden, wurde das Werk aufwendig modifiziert – inklusive speziell gefertigter Präzisionsteile und hochwertiger Veredelung mit Genfer Streifen und gebläuten Schrauben.
Das neu entwickelte Edelstahlgehäuse, gefertigt in Deutschland, blieb mit 37,5 mm dem Original treu, wurde jedoch konstruktiv modernisiert. Saphirglas, verschraubter Boden und eine zeitgemäße Gehäusearchitektur machten die Uhr robuster und alltagstauglicher – ohne ihren historischen Charakter zu verlieren.
Der dritte Flying Officer
Nachdem die letzten Bestände der modifizierten 7760-Werke verbaut waren, entwickelte Guinand unter Matthias Klüh das Konzept des Flying Officer konsequent weiter. Das Ergebnis war eine Neuinterpretation mit klassischer 12-Stunden-Anzeige.
Gestalterisch blieb die Uhr ihrer Herkunft treu: Das Zifferblatt orientiert sich klar am Flying Officer, wird jedoch durch eine ausgewogene Tricompax-Anordnung ergänzt. Diese klassische Gestaltung verbindet funktionale Klarheit mit einer neuen, harmonischen Ästhetik.
Auch technisch und konstruktiv blieb die Linie erhalten. Das 37,5 mm Edelstahlgehäuse mit entspiegeltem Saphirglas und Sichtboden entspricht modernen Anforderungen. Die 12h-Serie wurde 2016 vorgestellt – als eigenständige Weiterentwicklung eines historischen Konzepts.
Mit dem Sondermodell "Flying Officer 12h AUTOMATIK" wurde die Serie abgeschlossen.